
Neue Osnabrücker Zeitung vom 18.03.2010
Wulff gestern in Osnabrück den Kongress „Bewegte Kindheit“ eröffnet.
Von Karsten Grosser –
Christian Wulff geht in die Knie. Um auf Augenhöhe zu sein. Kinder der Kita „Kindervilla“ begrüßen den Bundespräsidenten vor der Osnabrückhalle. Das Staatsoberhaupt nimmt sich Zeit, um mit den Kindern zu sprechen. „Wie heißt du? Wie alt bist du?“ Vier Finger reckt ihm ein Knirps entgegen. Wulff erwidert die Geste. Nach wenigen Minuten erhebt er sich wieder: „Viel Spaß. Wir reden gleich über euch“, gibt er den Kleinen mit auf den Weg. Kurz darauf eröffnet Wulff als Schirmherr den Kongress „Bewegte Kindheit“.
Doch die Eröffnungsrede des zweifachen Vaters ist nicht einfach nur eine Rede. Sie ist ein Plädoyer. Ein Plädoyer für die Kindheit. Ein Aufruf, die Kinder als Persönlichkeiten wahrzunehmen. „Kinder sollten nicht so erzogen werden, dass sie funktionieren. Kinder sind zunächst einmal Kinder. Punkt“, ruft er den Erzieherinnen, Lehrkräften und Sozialpädagogen im voll besetzten Europasaal der Osnabrückhalle zu und beeindruckt mit der Eindringlichkeit seiner Worte. Wulff fordert, dem Nachwuchs die allerbesten Bedingungen zu schaffen. „Wir brauchen alle.“
Doch stimmen die Randbedingungen? „Wahrscheinlich war keine Kindergeneration so beobachtet, behütet, beschützt und betreut, aber auch keine deshalb so beengt, kontrolliert, gegängelt, seicht geschaukelt im Maxi Cosi und damit häufig auch unbeweglich“, so Wulff. Gerade diese Bewegungslosigkeit gefährde Geist und Seele. Letztere müsse geweckt werden, um nicht seelenmüde, nicht lebensmüde zu werden.
Der Applaus für den Bundespräsidenten wird nur übertroffen von den Beifallsstürmen, die die Jungen und Mädchen vom Kinderzirkus „Luftikus“ der Grundschule Bissendorf einheimsen. Sie jonglieren mit Tellern, Keulen, Reifen. Sie bauen Brücken mit ihren Körpern, schlagen Rad. Sie springen barfuß auf Pezzibälle, auf denen sie kinderleicht das Gleichgewicht halten und mittels Tippelschritten über die Bühne rollen. Und sie halten bunte Buchstaben und Schilder hoch, mit denen sie das Kongressmotto darstellen und Organisatorin Renate Zimmer feiern.
Die Sportwissenschaftlerin der Universität Osnabrück und Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung hatte diese Tagung vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Nun findet die siebte Auflage statt - mit einer Rekordbeteiligung von 3000 Teilnehmern. Der Kongress gilt als bundesweit bedeutendster seiner Art zum Thema Kindheit. Er führt in 180 Vorträgen, Seminaren und Workshops Forscher und Pädagogen zusammen. „Praxis beflügelt die Wissenschaftler, und die Wissenschaft befruchtet die Praktiker“, bringt es Zimmer auf den Punkt. Gemeinsam wollen sich Professoren, Erzieherinnen und Lehrer bis morgen Wege aufzeigen, wie das Medium Bewegung Bildung und Entwicklung von Kindern fördert. Der Präsident der Osnabrücker Universität, Claus Rollinger, betont, dass es wichtig sei, die in der Wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse schnell bei denjenigen ankommen zu lassen, die täglich mit Kindern arbeiten.
Nur in einem Moment durchbricht Zimmer die Fröhlichkeit, die während der Eröffnungsveranstaltung herrscht: „Japan zeigt, welch riesengroße Probleme unsere Kinder schultern müssen. Das schaffen sie nur, wenn sie bestmögliche Chancen auf Bildung haben.“

NOZ, 04.12.2010, B. Recker-Preuin
Aktionstag „Bewegte Kinder – Schlaue Köpfe“ in der Grundschule Bissendorf
Schneller lernen durch Bewegung
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An einer Wirbelsäule können die Grundschüler sehen und begreifen, dass Bewegung gut tut. Ariane Hölscher-Grieger und die Kinder der Grundschule Bissendorf machten mit. |
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„Wer meiner Meinung ist, steht auf, die anderen setzen sich auf den Boden.“ Unabhängig von der Antwort, ob richtig oder falsch, war Bewegung im Unterricht. Dass bei diesen Antworten nicht nur die Muskeln ganze Arbeit leisteten, sondern auch der Kopf, zeigte sich dann in den zumeist richtigen Antworten. In der Grundschule Bissendorf war Aktionstag „Bewegte Kinder – Schlaue Köpfe“.
Ein Zahlenstrahl ist Mathematik und nur etwas für den Kopf – oder? Ariane Hölscher-Grieger bewies das Gegenteil. Wenn die Zahlkarte auf dem Kopf balanciert und mit einem kräftigen Nicken zurückgegeben wird, hat auch der Körper etwas zu tun. Dasselbe beim Fragenbeantworten. Wer es weiß, geht zur Tafel, wer nicht, geht zum Fenster, wer unsicher ist, stellt sich in die Mitte. Ein Rede ball wird geworfen und gefangen. Wer ihn hat, darf sprechen, die anderen hören zu. Der Stuhl wird zur Herdplatte – mal kalt, mal heiß, mal lau. Die Kinder passen sich mit den Sitzpositionen an. Die Sache klappt und macht Spaß. Nicht nur die Pausen sind zur Bewegung da. Auch der Unterricht kann bewegen, wie die Pädagogin des Projektes „Bewegte Schule“ des Niedersächsischen Kultusministeriums deutlich machte. Die Bewegung steht der Aufmerksamkeit und dem Lernen nicht im Wege, im Gegenteil. „Bewegung ist ein Lernbeschleuniger,“ so Ariane Hölscher-Grieger.
Was sich im Körper abspielt, wenn man sich reckt oder sitzt, konnten die Kinder mit den Händen begreifen. Die Pädagogin brachte dafür eine (Kunst-)Wirbelsäule mit und zeigte die winzigen Muskeln zwischen den Wirbelkörpern, die große Wirkung auf den gesamten Körper haben. Zum Schluss kam noch der Schulranzen-TÜV. „Stellt euch vor, ihr müsstet einen ausgewachsenen Elefanten tragen“, so Ariana Hölscher-Grieger. Unmöglich, meinten die Kinder. Dennoch: Die unnötige Last von 400 Kilogramm schleppen die Kinder im Laufe der vier Grundschuljahre mit sich herum, wenn die Schultasche nicht richtig sortiert ist. Der Ranzen ist ein perfekter Bodybuilder, aber nur mit dem richtigen Gewicht.
Um sich in der Schule zu bewegen, brauchen die Kinder die Hilfe von Lehrern und Eltern. Deshalb gab es an der Grundschule auch Unterricht für die Großen. Die Lehrer lernten, wie sie Bewegungselemente in den Unterricht bringen können. Abends half Ariane Hölscher-Grieger den Eltern auf die Sprünge.
Sich mit den Kindern bewegen, auf die richtige Haltung achten und das Elterntaxi einstellen, so lauten die Tipps der Referentin.

B.R. Bissendorf
Bissendorf. Dieser Tag wird den Schülern der Grundschule Bissendorf lange in sichtbarer Erinnerung bleiben. Wohl 50 Jahre und länger werden die Spuren des Tages den Ortseingang von Bissendorf prägen. Genauer gesagt, sind es 1000 Spuren in Form von Bäumen. Rund 240 Grundschüler pflanzten sie am Regenrückhaltebecken Rosenmühlenbach. Damit schlossen sie sich der Initiative „Plant for the Planet“ an.
Bäume schaffen gute Luft und wirken dem Klimawandel entgegen, es müsste weltweit mehr von diesen CO2-Killern geben. Eine Milliarde Bäume mehr auf der Welt – und der Klimawandel könnte gestoppt werden, so das Ziel der Aktion von Schülern für Schüler. Die 1000 jungen Bäume in Bissendorf sind ein gewaltiger Schritt dorthin. Jeder Baum ist ein Symbol für Klimagerechtigkeit, und daran haben die Grundschulkinder tausendfach mitgewirkt. Jedes Kind pflanzte etwa vier Bäume. Den Anfang machte ein Besuch bei der Landesgartenschau. Grundschullehrerin Brigitte Unterbusch nahm mit fünf Schülern an der Ausbildung der Initiative „Plant for the Planet“ (Pflanzen für den Planeten) teil. Hendrik Jäger, Michel Bludau, Silas und Aaron Gernemann und Lene Haase ließen sich zu Klimabotschaftern ausbilden. Aber nicht nur das – sie handelten auch. Michel Bludau besuchte Bürgermeister Guido Halfter und erzählte ihm von dem weltweiten Baumpflanzprojekt. Dieser ließ sich schnell überzeugen. Die Gemeinde stellte die Fläche am Regenrückhaltebecken zur Verfügung und spendierte 1000 Bäume.
Bezirksförster Hendrik Pannenborg und die Mitarbeiter des Bauhofes zogen ebenfalls mit, ebenso die von Brigitte Unterbusch neu gegründete Arbeitsgemeinschaft für den Klimaschutz. Es wurde ein Plan erstellt, wie und wo 1000 Bäume wachsen und gedeihen können. Dann kamen alle Grundschüler ins Spiel. Sie wechselten für die Klimagerechtigkeit einen Vormittag lang den Klassenraum mit der Wiese am Regenrückhaltebecken. Auch die Eltern und örtlichen Unternehmen halfen mit warmen Getränken, Spenden und Unterstützung.
Mit vereinten Kräften und nach Plan des Försters ging es dann ans Werk, und 1000 Bäume erhielten ihren Standplatz, am Ufer die Erlen und Kirschen, weiter hinten Buchen, Eichen und Ahorne. In den nächsten 30 Jahren wird hier ein wunderschöner Wald entstehen, versicherte Hendrik Pannenborg.
Ein Riesendankeschön an die Kinder kam von Bürgermeister Guido Halfter und Wolfgang Marks, Naturschutzstiftung des Landkreises. „Solche Vorschläge wie der von Michel Bludau sind immer willkommen“, meinte der Bürgermeister. Wolfgang Marks erhielt ein klares „Ja“ auf seine Frage, ob die Kinder Lust hätten, weitere Bäume zu pflanzen. Wenige Minuten später erreichte Brigitte Unterbusch die Nachricht, dass Guido Halfter eine weitere Fläche im Auge habe. Der Klimaschutz wächst und gedeiht also in Bissendorf.

Sie wird das Schiff schon schaukeln
bris Bissendorf.
Ultracool, verlässlich und witzig sind nur drei von 26 Eigenschaften, die die Grundschüler aus Bissendorf ihrer neuen Rektorin Heike Oberkötter zugeschrieben haben.
Als Heike Oberkötter mit einer Kapitänsmütze unter tosendem Beifall die Bühne betritt, ist klar, dass sie die 254 Matrosen offensichtlich schon im Boot hat.
Schon zu Beginn der Feier ihrer offiziellen Amtseinführung hatte Oberkötter auch noch ein symbolisches Steuerrad von den kleinen Gästen erhalten. Draußen auf dem Schulhof ließen die Kinder 254 Luftballons fliegen, die allesamt mit selbst gemalten Postkarten versehen waren und gute Wünsche für die neue Steuerfrau enthielten.
Ehe sie ihr Amt in Bissendorf antrat, war Oberkötter als Konrektorin an der Hauptschule in Dissen tätig. Doch schließlich entschloss sie sich dazu, zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Ihre zweite Anstellung fand die zweifache Mutter nämlich an der Haupt- und Realschule Bissendorf, wo sie über neun Jahre beschäftigt war. „Während meiner Station in Bissendorf war ich meistens an der Hauptschule eingebunden. Ich mag die Arbeit mit Kindern, die manchmal nicht ganz in der Mitte stehen. Eine echte Herausforderung an dieser Grundschule sind die Sprachförderklassen, die meine Entscheidung für Bissendorf deutlich beeinflusst haben“, sagte Oberkötter. Zur Begrüßung hatten sich die Grundschüler einiges einfallen lassen: Wieselflink brachten die Kinder bunt verzierte Buchstaben an der mit Papierblumen versehenen Abc-Leine an. Mit einem lauten „Hey“ endete die Boomwhackers-Vorstellung der Klasse 2a, die mit ihren bunten Kunststoffröhren kräftig Stimmung machte. Sina und Jasmin führten, verkleidet als Mäuse, mit viel Geschick durch den Vormittag und kündigten eine eigene Version von Nenas 99-Luftballons-Song an, der von 33 Kindern der Zirkus-AG vorgetragen wurde. Angeleitet von Christiane Tebbenhoff und Maria Lanze, die die AG in der Schule betreuen, erwiesen sie sich als echte Jonglierkünstler.
Für Bürgermeister Guido Halfter erhält die Schule durch Oberkötter ein tolles Schulprofil. Er hatte keine Zweifel daran, dass Oberkötter das „Schiff Schule“ schon schaukeln werde, und wünschte ihr in Anlehnung an den Neue-OZ-Zeitungsartikel des Tages aus der Reihe WM-Kick „Ngikufisela inhlanhla“, was auf Zulu so viel wie „viel Glück“ heißt. Elternvertreter Franz-Josef Plogmann übergab einen Lenkdrachen, was weniger auf die Persönlichkeit der neuen Rektorin gemünzt war, sondern allein auf das Vertrauen in eine gute Führung hinweisen sollte.
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